Chemiepark Marl
27. Januar 2026

„Der Chemiepark bleibt bestehen, verändert aber sein Gesicht"

Seit rund drei Wochen ist SYNEQT neuer Betreiber des Chemieparks. Seit etwas mehr als einem Jahr bereits haben die USA einen neuen Präsidenten. Wie das zusammenhängt? Ob im Großen oder Kleinen - die Weltlage hat sich drastisch verändert, die Chemie-Industrie steht infolgedessen vor großen Aufgaben. Welche Auswirkungen die aktuelle Situation für den Standort hat und wie der Chemiepark Marl von morgen vor diesem Hintergrund aussehen könnte, skizzieren die Standort-Entwickler Paul Olbrich und Jens Kaiser im Interview.

Die Standort-Entwickler im Interview: Gemeinsam mit der Standortleitung erarbeiten Jens Kaiser (l.) und Paul Olbrich Lösungen für einen nachhaltigen Chemiepark von morgen.

Herr Dr. Olbrich, Sie sind 65 Jahre alt, da legen andere schon die Füße hoch – Sie nicht. Dabei sind die Weltlage und die Situation der Chemie-Branche aktuell so herausfordernd wie lange nicht. Was treibt Sie an, weiterzumachen?

Paul Olbrich: Erstmal treibt mich an, dass ich schon mein ganzes Berufsleben einen großen Bezug zum Chemiepark Marl habe. Zu sagen, ich lebe für den Chemiepark, wäre zu viel, aber ich identifiziere mich schon sehr mit diesem Standort. Und ja, die Situation ist herausfordernd, aber gerade für Marl sehe ich viele Chancen, positiv in die Zukunft zu gehen. Die künftige Konzentration auf die Kerngeschäfte beider Unternehmen, Evonik und SYNEQT, halte ich für richtig. Wir wollen mit unserem Wissen, unserer Erfahrung und unseren Ideen diese Zukunft aktiv mitgestalten. 

Auch hier bei uns im Interview: Herr Dr. Kaiser, Sie sind wie Dr. Olbrich Chemiker und sein designierter Nachfolger ab August . Sie treten damit nicht nur ein großes Erbe an, sondern übernehmen die Aufgabe auch unter den beschriebenen Umständen…

Jens Kaiser: Ja, das stimmt, aber ich habe das große Glück, dass Paul und ich uns seit Januar 2025 gemeinsam darauf vorbereiten können, dass dieser Tag kommt. Dazu kommt, dass die Chemie-Industrie nicht erst seit gestern vor großen Aufgaben steht. Ich freue mich aber darauf, weil ich daran glaube, dass wir die chemische Industrie so umgestalten können, dass wir Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Wertschöpfung zusammenführen. Auch im Chemiepark Marl. Und ich freue mich auch, weil ich mich als Chemiker für chemische Prozesse interessiere und weil es ein Fakt ist, dass ein modernes Leben ohne Chemie nicht möglich ist. Wir sitzen mit unserer Arbeit an der Quelle – als Schlüsselindustrie in Deutschland, Europa und der Welt. Chemie steht ganz am Anfang – am Anfang neuer Produkte, am Anfang neuer Ideen, am Anfang der Wertschöpfungskette und ohne Chemie keine Autoscheinwerfer, kein 3D-Druck, nicht mal Klopapier (lacht).

Und das wird wohl auch so bleiben. Was nicht automatisch so bleibt, sind die Rahmenbedingungen, die dafür nötig sind. Was glauben Sie, woran es liegt, dass der Status Quo aktuell so ist, wie er ist?

Kaiser: Auf der einen Seite gab es zu Beginn des Ukraine-Krieges Schockwellen auf den Energiemärkten, die die chemische Industrie in Europa als energieintensive Produktion hart getroffen haben. Zusätzlich haben wir durch den Aufstieg Chinas Verschiebungen im Wettbewerb, die Märkte in Europa geraten zunehmend unter Druck, Stichwort Preisniveau. Dazu kommen für Europa vergleichsweise hohe Umweltauflagen. Das ist grundsätzlich wünschenswert, aber wir stehen in einem globalen Wettbewerb mit den USA, China und anderen Ländern. Und dort sind die Produktionsbedingungen aktuell günstiger.

Olbrich: Da stimme ich zu, die Spielräume haben sich verändert. Wir haben auf der einen Seite auch im Vergleich zum Rest der Welt stark steigende Energiepreise, gleichzeitig verlieren wir so ein Stück weit technischen Vorsprung. Ein ungünstiger Cocktail aktuell.

Um im Bild zu bleiben: Welche Zutaten braucht es denn, damit das Getränk wieder besser schmeckt?

Kaiser: Eben weil wir nicht nur im Wettbewerb zwischen Unternehmen, sondern auch zwischen Ländern stehen, bewegen wir uns in einem großen Interessenbereich mit vielen Spielern und Positionen. Politisch wäre es daher hilfreich, wenn die Strom-Netzentgelte nachhaltig und spürbar gesenkt würden. Wichtig sind auch die CO₂-Zertifikate. Unser Evonik-Vorstandsvorsitzen der Christian Kullmann betont es öffentlich: Wenn wir eine grüne Chemie-Transformation wollen – und wir wollen und brauchen sie –, dann müssen sich diese Punkte ändern. Es muss auch strategisch und langfristig in neue Verfahren investiert werden. Leider ist es so, dass gerade die CO₂-Gebühr dazu führt, dass für diese Investitionen weniger Geld zur Verfügung steht.

Also sprechen wir hier von einer grünen Transformation der Chemie mit Klimazielen und Umweltauflagen, auf der anderen Seite haben Sie aufgezählt, was dem eigentlich entgegensteht. Das beschreibt das große Bild. Konkret in Bezug auf den Chemiepark Marl – was macht Ihnen Hofnung, dass der Standort und die Region eine positive Zukunft vor sich haben?

Olbrich: Wegen seiner guten Infrastruktur ist der Chemiepark Marl sehr widerstandsfähig, existenzielle Sorgen um den Standort mache ich mir nicht. Der Chemiepark Marl wird langfristig bestehen bleiben, nur sein Gesicht wird sich ändern. Aber das ist auch völlig normal und richtig. Seit mehr als 85 Jahren passiert das ja schon – der Standort geht mit der Zeit und so sollte es auch sein.

Kaiser: Und ja, auch wenn es eine weltweite Herausforderung ist, die Chemie-Industrie zukunftssicher aufzustellen, schauen wir natürlich trotzdem auf uns und die Möglichkeiten, die wir hier in Marl haben. Und die sind da – wir bekommen zum Beispiel regelmäßig Ansiedlungsanfragen aus allen Bereichen, auch aus Randbereichen der Chemie: Von Start-Ups mit Ideen aus der Feinchemie über die CO₂-Verwertung bis zu Anfragen aus der Kreislaufwirtschaft.

Mit Greenlyte siedelt sich in Marl aktuell auch ein solches Startup an. Hier geht es um grünen Wasserstoff, einen wichtigen Treiber der Zukunft, gerade in Marl…

Olbrich: Ganz genau. Wir haben hier zwei Wasserstoff-Pipelines und eine dritte in Planung, die uns eine einzigartige Wasserstoff-Infrastruktur in Deutschland bescheren. Für Produzenten und Verbraucher von grünem Wasserstoff sind wir daher hochinteressant. Eine Chance für Marl könnten außerdem spezielle Pyrolyse-Verfahren sein, die aus Kunststoff einen Rohöl-Ersatz erzeugen. Für das großtechnische Recycling von PET, z.B. von Getränkeflaschen, gab es bereits mehrere Anfragen. Auch für die Rückgewinnung von Phosphor aus Klärschlamm-Asche, ab 2029 Vorschrift in der EU, gibt es aktuell Anfragen mit guten Chancen auf eine Anlage in Marl. Mit solchen Projekten lässt sich eine grüne und vielversprechende Zukunft für den Chemiepark Marl erreichen.

Gutes Stichwort: Was braucht es, damit Sie in acht Monaten mit einem guten Gefühl in den Ruhestand gehen können, Herr Dr. Olbrich, und Sie einen guten Plan für die Zukunft haben, Herr Dr. Kaiser?

Olbrich: Ich würde sagen von allem etwas – von der Politik Rahmenbedingungen, die dauerhaft die Wettbewerbsfähigkeit sichern, kurzfristige, schnelle Hilfe zur Überwindung der aktuellen Krise, in den Unternehmen weitsichtige Planung und eine kluge Nutzung der Stärken unseres Standortes.

Kaiser: Dem kann ich mich nur anschließen – und ich würde Mut, Entschlossenheit und Zuversicht mit dazunehmen. Wir müssen uns trauen, Entscheidungen zu treffen und diese auch mutig vertreten.

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Dieses Interview ist auch in der Januar-Ausgabe des Standort- und Nachbarschaftsmagazins inform erschienen. Das Magazin mit allen News rund um den Chemiepark Marl können Sie hier als PDF herunterladen.